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05 Zwei Jahre in zwei Erzählungen

Gutwin Akademie  ·  Plötzlich Pflegefall  ·  Modul 2b Datum: __________

Zwei Jahre in zwei Erzählungen

Eben hast du geübt, einzelne Beobachtungen einzuordnen. Jetzt schauen wir auf einen ganzen Verlauf. Sabine und Thomas erzählen die letzten zwei Jahre mit ihrem Vater, jeder auf seine Weise. Lies erst beide Erzählungen. Danach ordnest du einzelne Momente den Phasen zu, die du im Erklärvideo kennengelernt hast. Rechne mit etwa fünfzehn Minuten.

Gedruckt werden die Erzählungen und die Antworten, die du ausgewählt hast. Falls der Knopf nicht reagiert, funktioniert auch Strg und P, auf dem Mac Befehl und P.

Sabine, 51 Jahre, Tochter

„Ich habe es gesehen, bevor es einen Namen hatte."

Ich bin die, die nach Mamas Tod regelmäßig hingefahren ist. Erst einmal die Woche, dann zweimal, dann öfter. Ich habe Aufläufe mitgebracht, die für drei Tage reichten und die Post sortiert, die sich auf dem Küchentisch stapelte.

Irgendwann klebten überall diese Zettel. Herd aus. Schlüssel Garderobe. Dienstag Müll. Ich habe sie gesehen und mir nichts dabei gedacht. Er war eben ordentlich, dachte ich. Er hat immer alles aufgeschrieben. Dass er dreimal in einer Stunde dieselbe Frage stellte, habe ich auf die Trauer geschoben. Man findet für alles eine Erklärung, wenn man eine sucht.

Dann kam der Morgen mit der Bäckerei und eine fremde Frau rief mich an, weil mein Vater auf einer Parkbank saß und nicht mehr wusste, wo er war.

Nach dem Neurologen bin ich eine halbe Stunde im Auto gesessen, bevor ich losgefahren bin. Ich habe nicht geweint. Ich habe auf das Lenkrad gestarrt und versucht zu begreifen, was das jetzt heißt. Für ihn. Für mich. Für alles. Ich weiß noch, dass ich gedacht habe: Und wer macht das jetzt. Dieser Gedanke kam vor allen anderen, und ich habe mich lange dafür geschämt.

Wir haben uns dann irgendwie eingerichtet, mein Bruder und ich. Dienstags und donnerstags ich, samstags er. Ein Rhythmus, der keinem von uns gepasst hat, aber er hat funktioniert. Als die Hausärztin einen Pflegedienst vorschlug, habe ich drei Wochen gebraucht, um anzurufen. Es war nicht das Geld. Es war der Satz, den ich mir selbst nicht sagen wollte: Wenn Fremde meinen Vater waschen, dann schaffe ich es nicht.

Dann kam der Anruf um Viertel nach sieben. Die Pflegerin. Ihr Vater liegt im Bad, er ist gestürzt, der Rettungswagen ist unterwegs. Ich habe im Büro gestanden, mit dem Telefon am Ohr, und alles andere war plötzlich egal.

Nach der Reha kam er zurück in eine Wohnung, die anders aussah als die, aus der er weggefahren war. Haltegriffe, Duschhocker, Pflegebett. Wir haben alles neu sortiert. Ich habe Anträge ausgefüllt, telefoniert, Fristen im Kopf behalten, die mir niemand gesagt hat. Es war anstrengend, aber es hatte etwas von Aufräumen. Man konnte etwas tun.

Danach lief es ein halbes Jahr. Ich hatte einen Plan. Morgens der Dienst, mittags das Essen, nachmittags zweimal die Woche die Begleiterin. Ich wusste, was wann dran ist. Ich habe zum ersten Mal seit Langem wieder ein Wochenende gehabt, an dem ich nicht an ihn gedacht habe. Nur eines. Aber immerhin.

Und jetzt reicht das alles nicht mehr. Er braucht mehr, als wir organisiert haben. Und ich frage mich seit Wochen, was ich in den letzten Monaten falsch gemacht habe.

Thomas, 48 Jahre, Sohn

„Ich mache das, was man nicht in Anträge schreiben kann."

Meine Schwester organisiert. Ich komme samstags. Das klingt nach weniger, und meistens fühlt es sich auch so an.

Ich habe lange nicht verstanden, was los ist. Ich war ja nur sonntags da, und sonntags war er meistens gut drauf. Sabine hat gesagt, es wird schlimmer, und ich habe gedacht, sie übertreibt. Heute weiß ich, dass er sich für mich zusammengerissen hat, solange er das noch konnte.

Als sie mir von der Diagnose erzählt hat, am Telefon, habe ich zuerst nichts gesagt. Dann habe ich gesagt: Ich weiß nicht, ob ich das kann. Sie hat gesagt: Ich auch nicht. Aber wer sonst.

Wir gehen jetzt einmal um den Block, mit dem Rollator, und früher sind wir zum Teich gelaufen. Er erzählt mir Geschichten von damals, und ich weiß oft nicht, ob sie stimmen. Ich höre trotzdem zu, weil es besser ist als Schweigen.

Im Februar hat die Stehlampe geflackert. Ich habe den Werkzeugkoffer aus der Abstellkammer geholt und die Fassung gewechselt. Zehn Minuten. Er hat danebengesessen und zugeschaut, und als ich fertig war, hat er gesagt: Das hast du gut gemacht. Früher hat er das für uns alle gemacht. Ich musste mich im Flur kurz an die Wand lehnen.

Nachts liege ich wach, und um fünf muss ich zur Schicht. Auf meinem Kühlschrank klebt seit Monaten eine Nummer von einer Beratungsstelle, die Sabine mir aufgeschrieben hat. Ich habe einmal gewählt und wieder aufgelegt, bevor es geklingelt hat. Was hätte ich denn sagen sollen. Mir geht es ja gut. Krank ist mein Vater.

Ordne die Momente ein

Sechs Stellen aus Sabines Erzählung. Zu welcher Phase gehört jede?

Moment 1 von 6

„Irgendwann klebten überall diese Zettel. Ich habe sie gesehen und mir nichts dabei gedacht."

Welche Phase ist das?

Richtig. Erste Zeichen sind da, aber nichts ist eindeutig. Sabine erklärt sie sich weg, und das ist keine Nachlässigkeit, sondern eine normale Schutzreaktion.

Noch nicht. Zu diesem Zeitpunkt hat noch niemand etwas benannt. Das ist die Phase der Vorboten: Zeichen sind da, aber sie lassen sich noch anders erklären.

Nicht ganz. Instabil wird es erst, wenn eine bestehende Versorgung nicht mehr ausreicht. Hier gibt es noch gar keine. Das sind die Vorboten.

Moment 2 von 6

„Ich bin eine halbe Stunde im Auto gesessen und habe auf das Lenkrad gestarrt."

Welche Phase ist das?

Das war davor. Hier ist die Diagnose bereits gestellt. Was Sabine im Auto erlebt, gehört zur Phase Diagnose und Schock.

Richtig. Was vorher vage war, hat jetzt einen Namen, und der Boden verschiebt sich.

Beachte, was Sabine erzählt: Ihr erster Gedanke war nicht Trauer, sondern „Und wer macht das jetzt". Genau dafür hat sie sich geschämt. Auch das gehört zu dieser Phase.

Nicht ganz. Eine akute Krise ist eine plötzliche körperliche Verschlechterung, die sofortiges Handeln verlangt. Hier ist es der Schock über eine Nachricht.

Moment 3 von 6

„Dann kam der Anruf um Viertel nach sieben. Ihr Vater liegt im Bad."

Welche Phase ist das?

Richtig. Plötzliche Verschlechterung, Klinikaufnahme, alles andere wird für einen Moment unwichtig.

Nicht ganz. Die Abwärtsentwicklung ist ein allmähliches Nachlassen der Kräfte über längere Zeit. Ein Sturz mit Klinikaufnahme ist eine akute Krise.

Nicht ganz. Eine instabile Phase zieht sich über Wochen. Hier passiert etwas in einer Nacht.

Moment 4 von 6

„Haltegriffe, Duschhocker, Pflegebett. Wir haben alles neu sortiert."

Welche Phase ist das?

Richtig. Nach der überstandenen Krise wird der Alltag vorsichtig neu geordnet.

Sabine sagt, es hatte etwas von Aufräumen. Man konnte etwas tun. Das ist typisch für diese Phase: Sie ist anstrengend und gleichzeitig entlastend, weil Handeln möglich ist.

Fast. Die stabile Phase kommt gleich danach, wenn das Neue eingespielt ist. Hier wird es gerade erst eingerichtet, das ist die Normalisierung.

Die war davor. Der Sturz und die Klinik waren die Krise. Jetzt wird der Alltag neu sortiert, das ist die Normalisierung.

Moment 5 von 6

„Danach lief es ein halbes Jahr. Ich wusste, was wann dran ist."

Welche Phase ist das?

Richtig. Der Alltag läuft eingespielt, es gibt einen Plan, und Sabine hatte sogar ein Wochenende ohne Sorgen.

Das Wichtige an dieser Phase: Sie ist keine Pause vor der nächsten Krise, sondern die beste Gelegenheit, Unterstützung zu festigen statt sie wieder abzubauen.

Fast. Die Normalisierung war das Einrichten der neuen Abläufe. Hier laufen sie bereits, das ist die stabile Phase.

Nein, und das ist ein wichtiger Unterschied. Stabilität heißt nicht, dass die Krankheit weg ist. Sie heißt, dass Krankheit und Alltag vorübergehend im Gleichgewicht sind.

Moment 6 von 6

„Und jetzt reicht das alles nicht mehr. Ich frage mich, was ich falsch gemacht habe."

Welche Phase ist das?

Richtig. Was bisher gereicht hat, reicht nicht mehr. Der Plan muss angepasst werden, nicht durchgehalten.

Und Sabines zweiter Satz ist der eigentliche Grund, warum es dieses Modell gibt.

Zu weit vorgegriffen. Dass die bisherige Versorgung nicht mehr ausreicht, beschreibt die instabile Phase. Sie kann in eine neue Stabilität münden, wenn der Plan angepasst wird.

Nein. Eine instabile Phase gehört zur Dynamik chronischer Erkrankungen. Sie ist nicht das Ergebnis schlechter Pflege.

Ein Knick in der Kurve ist kein persönliches Versagen.

Zwei Erzählungen, ein Verlauf

Sabine und Thomas beschreiben dieselben zwei Jahre, und trotzdem klingt es nach zwei verschiedenen Geschichten. Sie erzählt in Aufgaben, er in Momenten. Von außen sieht das aus, als täte sie mehr. Beide tragen unterschiedliche Teile derselben Last.

Der Verlauf, den du gerade eingeordnet hast, ist nicht Heinrichs Verlauf allein. Es ist auch ihrer.

Im nächsten Schritt geht es um dich. Um deinen Verlauf, deinen Standort und die Frage, was gerade dran ist.

Allgemeine Informationen der Gutwin Akademie. Sie ersetzen keine ärztliche Einschätzung und keine Pflegeberatung nach § 7a SGB XI.
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